Lila096 Die Rückkehr des Körpers und andere heiße Eisen

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In dieser Folge geht es erst um feministische Ideen, die gerade ein mögliches Update erfahren: die Rückkehr des Körpers – vor allem des weiblichen Körpers. War der nicht – wie auch das Geschlecht – eine Konstruktion? Danach diskutieren Susanne Klingner und Barbara Streidl einmal mehr über #metoo, besonders über den Umgang mit Kunstwerken von sogenannten Tätern.

Ist es heuchlerisch, die US-amerikanische Initiative Time’s up zu unterstützen, die Geld sammelt, um Frauen den nötigen Rückhalt für Strafverfahren wegen sexualisierter Gewalt zu geben, und gleichzeitig in einem Woody-Allen-Film zu spielen? Heuchelei wirft nämlich Allens Adoptivtochter, Dylan Farrow, Justin Timberlake vor.

Zum Schluss gibt es noch die Buchempfehlung für Mary Beard, “Women and Power”, und den Hinweis auf Susanne Klingners neuen Podcast bei Haus eins, den sie für “Plan W” macht. Mehr Infos weiter unten.

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Infos und Links:

  • Heide Oestreich fragt in der taz, ob der Körper im Feminismus wieder eine Rolle spielt
  • Eine Art Einführung in die Ideen von Judith Butler
  • Christina Thürmer-Rohr: “Es ist trügerisch zu meinen, Frauen führten mehr oder weniger und vielleicht sogar zunehmen ein unabhängiges Eigenleben parallel zu den patriarchalen Taten, sozusagen an einem anderen Ort.” (aus: Vagabundinnen, ein Erzählband von Thürmer-Rohr)
  • Über den Umgang mit Kunstwerken von Tätern spricht Judy Blume bei NPR
  • Wikipedia-Eintrag über Judy Blume
  • Was in Sachen Leadership ändern könnte und was nichtj, behandelt dieser Kommentar aus Norwegen: “Aggressive, obstinate men are more likely to seek power and are often preferred as leaders. The revolution is pushing to change the way managers behave, but research shows that power changes people — and not always for the best.”
  • Buchtipp: “Women and Power. A Manifesto” von Mary Beard; auf Deutsch heißt das Buch “Frauen und Macht”

  • Buchkritik im Guardian
  • Über das Buch “Women and Power”
  • Treffen von Mary Beard und Hillary Clinton
  • Video mit zentralen Thesen bei Vortrag von Mary Beard im British Museum
  • Teaser auf den Plan-W-Podcast, den Susanne Klingner macht
  • Radiosendung von Barbara Streidl im BR zu #metoo: “Das Ende vom Schweigen der Lämmer: Was hat sich nach einem halben Jahr #metoo in Kultur und Medien verändert?”

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In der 100. Sendung dürft ihr uns alles fragen: “Ask me anything” ist das Motto. Schickt uns eure Fragen – zu Themen, Problemen, Ärgernissen, über Mikrofone, Kaffeesorten, Bücher, Filme usw. bis zum 10.5.2018 (danach machen wir uns ans Beantworten). Wir freuen uns auf eure Fragen!

13 Kommentare

  1. Liebe Susanne, liebe Barbara,

    vielen Dank für eure schöne Sendung.

    Eine Anmerkung zum Verschwinden von Körper und Geschlecht. Nicht mehr binär zwischen Mann und Frau zu unterscheiden, ist sicherlich ein erstrebenswertes Ziel, ermöglicht jedoch auch sehr einfach Diskriminierung. So ist doch eine Standardaussage „nicht das Geschlecht zählt, sondern die Qualität“, die Zusammensetzung des Parlamentes, der Ministerien, Unternehmenssitze usw. zu verteidigen. Eine gerechtere Zusammensetzung ist nur möglich, wenn wir Mann und Frau unterscheiden. Diesen Unterschied aufzugeben, hieße, die Machtverhältnisse zu akzeptieren. Denn alle Organisationen, die heute noch zum großen Teil von Männern dominiert werden, bestehen zu 100 % aus Menschen. Die Aussage „ungerecht“ ergibt erst durch die Unterscheidung einen Sinn.
    Das Gleiche gilt letztendlich für alle Kategorien, in die wir Menschen (leider) unterteilen. So ist dieser Gedanke (hoffentlich richtig) auch dem Buch von Noah Sow „Deutschland Schwarz Weiß“ entnommen.

    Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

  2. Ich verfolge gerade wie MeToo in Italien läuft und wahrgenommen wird, und die Lage ist sehr traurig.
    Fausto Brizzi (berühmter Drehbuchautor) z.B. ist momentan der italienische Weinstein, der von vielen Frauen beschuldigt wurde. Nur, anders als in USA, hat er sehr viele Stars auf seiner Seite, und ja, darunter selbst Frauen. Seine berühmten Kollegen nennen MeToo sogar eine Bewegung für dämliche Frauen, die sie verspotten. Sowas mitansehen zu müssen ist schrecklich. Dabei wissen nur die wenigsten Italiener was MeToo überhaupt ist. Niemand kehrt sich darum.
    Zum Thema: soll man die Werke dieser Menschen noch weiter lieben, sehen und ökonomisch unterstützten? Als ich über Brizzi las, war mein erster empörter Gedanke: “Von ihm würde ich niemals einen Film sehen!”. Zweiter, besser überlegter Gedanke: Na ja, sowas ist leicht zu sagen für jemanden wie mich die nie italienische Filme sieht. Aber wenn z.B. der Sich-schlecht-benehmende-Regisseur einer meiner Lieblingsfilme einen neuen Film rausbringen würde, dann würde ich mich wahrscheinlich anders verhalten. Was eine moralische Krise in mir auslösen würde. Aber ehrlich gesagt, viele Genies der Vergangenheit haben prachtvolle Werke gemeistert und waren dennoch in Wirklichkeit nicht so gute Menschen. Trotzdem sind die meisten Leute ihnen für ihre Arbeit dankbar.

  3. Passt vielleicht nur bedingt hierher, aber vllt. interessiert euch das trotzdem:
    http://www.richroll.com/podcast/mirna-valerio/

  4. Zum Thema, was weibliche Körper so alles leisten können, ist evtl. der Podcast tough girl challenges noch ganz spannend.

  5. Hallo,

    gestern habe ich die Folge gehört und bin ordentlich zum Nachdenken angeregt worden. Ich hoffe, dass die seitdem vergangenen Stunden gereicht haben, um nun einen reflektierten Kommentar abzugeben.

    Bei eurer Diskussion zu den Folgen von MeToo ist bei mir der Eindruck entstanden, dass es euch um eine Brandmarkung von Personen geht, die Fehlverhalten begangen haben, das für euch einen hohen Stellenwert hat.

    Entscheidend ist doch, ob eine Straftat vorliegt, die rechtskräftig verurteilt wurde, und die angemessene Strafe erfolgt ist. Für alles Verhalten, das nicht als Straftat eingestuft wird, bleibt die gesellschaftliche Diskussion, ob es moralisch und ethisch in Ordnung ist und ob wir Straftatbestände ausweiten. Wir können nun im Einzelnen betrachten, wie sich ein Täter nachträglich dazu verhält und von jetzt an benimmt und daraus dann ableiten wie wir uns ihm gegenüber verhalten bzw. wie wir uns zu ihm positionieren. Alles andere finde ich unanständig und angemessen. Sich zu fragen, ob mit Kevin Spacey zusammengearbeitet werden soll, weil er mal x gemacht hat, ist doch blinder Aktionismus. Die Entscheidung sollte doch davon abhängen wie er heute damit umgeht und welche Konsequenzen er daraus zieht.

    Bei der Frage nach dem Umgang mit dem Werk, musste ich als erstes daran denken wie damals die dunkle Seite von Michael Jackson ans Tageslicht kam und anschließend die Fragen, ob seine Musik nun noch gehört geschweige denn gut gefunden werden dürfe.

    Bei all diesen Tätern handelt es sich um Künstler und Kunst ist Geschmackssache, die wir meist selber nicht erklären können. Hier und da können wir natürlich auch rationale Gründe liefern, warum uns ein Werk gefällt oder eben nicht, aber gerade bei Musik kann bestimmt jeder gut nachvollziehen, dass wir uns kaum bewusst aussuchen können, ob uns ein Lied, eine Melodie gefällt oder nicht. Daraus ergibt sich grundsätzlich schon einmal ein inneren Kampf zwischen einem Gefühl und einem Gedanken. Umso leichter fällt dann logischerweise die Ablehnung, wenn uns das Werk eh nicht gefällt.

    Ich finde wir sollte es jedem vorwurfslos frei stellen, ob er ein Werk genießen kann und möchte oder nicht, solange dieses für sich oder dessen vermittelte Botschaft nicht das Problem sind. Da passt das Beispiel Bill Cosby. Wegen seiner Taten nun die Show, alle Mitwirkenden und ihre Botschaft in Mitleidenschaft zu ziehen, halte ich für unpassend. (Mal davon abgesehen, dass in meiner Erinnerung ja sogar eher ein starkes Frauenbild vermittelt wurde.) Wenn allerdings die persönliche Abscheu so groß ist, dass einem der Genuss nicht mehr gelingt, dann lässt man es eben. Mir gelingt es problemlos das zu trennen. Ich sehe in der Regel die Rolle und nicht den Schauspieler. Nach dem gleichen Prinzip gelingt es mir auch zwei von einander unabhängige Filme zu sehen, in denen der Darsteller einmal den Bösewicht und einmal den liebenden Familienvater spielt. Das macht ja eben das gute Schauspiel aus.

    Wenn euch die (dauerhafte) Ahndung eines bestimmten Fehlverhaltens so wichtig ist, ergibt sich daraus nicht ehrlicherweise dafür zu sorgen bei allen Interaktionen und allem Konsum selber schon danach zu schauen, ob alle Beteiligten sich entsprechend des eigenen Wertekanons verhalten? Ich empfinde es als läppisch dafür zu plädieren Werke zu verachten, zu kennzeichnen, zu verbieten, weil es einem selber tatsächlich nicht wirklich weh tut. Was kratzt es schon alte Werke nicht (nochmals) zu sehen und sich neue nicht anzuschauen?

    Um nicht den Anschein zu erwecken, dass die eigene Empörung nicht nur Rache oder Vergeltung getrieben ist, sondern konsequent und aufrichtig ist, wäre sofort damit aufzuhören auch heute schon verwerfliche bis verächtliche, aber noch akzeptierten Handlungen mitzutragen: Auto fahren und fliegen. Kein Ökostrom verwendet. Billigprodukte aus China gekauft. Konten bei Banken geführt, die am Waffenhandel verdienen usw. usf. Dabei geht es nicht darum, ob ihr das macht, sondern euch mit Leuten einlasst, von denen ihr wisst, dass sie es machen. Und was wird in ein paar Jahren sein, wenn sich die Gesellschaft weiter entwickelt? Überlegen wir dann, ob wir noch Podcast hören können, in denen Leute den Alkoholkonsum huldigen und zu diesem auffordern oder davon erzählen, dass sie Fleisch gegessen haben und sich nicht darum bemüht haben nur fair gehandelte Produkte zu erwerben? Oder wo Leute zum Googlen aufgerufen haben, weil es sich in den eigenen Wortschatz eingeschlichen hat. Beiläufig um Facebook-Nutzung gebettelt wird. Die Verwendung von Amazon gefördert wird, obwohl ich keinen kenne, der deren Geschäftspraktiken für angemessen hält. Was wenn wir eine Software oder einen Dienst verwenden, über die herauskommt, dass der Hauptentwickler ein Rassist oder Kinderschänder ist?

    Ist es nicht die naheliegende Schlussfolgerung nun die eigenen Kontakte, Bekanntschaften, Geschäfts- und Handelspartner auf ihre Gesinnung zu überprüfen? Warum abwarten bis zufällig etwas herauskommt und erst dann ein schlechtes Gewissen aufbauen? Muss nicht nun jeder Verkäufer erst gefragt werden, ob er schon mal ein Abhängigkeitsverhältnis zu Ungunsten eines anderen ausgenutzt hat bevor wir bei ihm etwas konsumieren? Und wo ziehen wir die Grenze? Frauen missbrauchen ist tabu, Kinder schlagen verursacht mindestens Unbehagen? Katze treten ist grenzwertig, aber da auch der ausländische Nachbar beschimpft wurde ist das Gesamtbild gerechtfertigt negativ? Das ist doch ein Fass ohne Boden. Ich sehe auch Anknüpfungspunkte zur Teilzeitsolidarität. Ich möchte selber aushandeln welches Verhalten ich für vertretbar und welches ich für untragbar halte und je nachdem wie wichtig mir das ist selber in Erfahrung bringen müssen, wie mein Gegenüber dazu steht.

    Wir sind doch alle mehr als nur ein Aspekt und sei er noch so schlimm. Genauso wie es übertrieben ist jemanden aufgrund seines schauspielerischen Talents zum Übermensch zu erheben, wie es einem Fan passieren kann, so ist es übertrieben aus einer vergangenen Tat ein heutiges Monster abzuleiten. Ich weiß nicht, ob es so sein müsste, dass eine schlimme Tat immer mehr Gewicht hat als beliebig viele gute Taten zuvor und danach. Entscheidend ist doch unsere eigene Position und Haltung und ob wir mit unserem Verhalten und unserem Handeln das Fehlverhalten andere stützen, schützen und hinnehmen oder widersprechen und entgegentreten. Und das können wir viel besser und nur in unserer Umgebung und nicht bei irgendwelchen Filmstars in der Ferne. Ich schätze auch den Grundsatz, nicht schlecht über andere zu reden, es sei denn wir schützen mit der Weitergabe dieser Information konkret jemanden. Und ich denke, dass trifft in den besprochenen Fällen nicht zu. Wozu muss ich wissen, dass diese Leute sich so verhalten haben? Was ist mein Gewinn? Was ist der allgemeine Nutzen?

    Warum soll ein allgemeines Anrecht darauf bestehen die verurteilten Straftaten anderer aufgezeigt zu bekommen? Oder sogar nur deren, nach unseren Maßstäben moralische und ethische Verfehlungen? Das erinnert mich ans Handabhacken, damit wir alle erkennen, das derjenige auch geklaut hat. Sollen wir nun alle unsere Werke und Arbeiten und Resultate mit polizeilichen und moralischen Führungszeugnissen versehen, damit wir stets davor gewarnt sind auf welche menschlichen Abgründe wir uns einlassen? Erinnert an Chinas aktuelles Vorhaben des Social Scorings.

    Dabei wäre das unangenehmste daran wahrscheinlich nicht die Bloßstellung des anderen, sondern unsere damit verbundene Pflicht bei allen Aktionen darauf zu achten sich nicht mit Leuten abzugeben, die sich falsch verhalten haben. Im Kleinen profitieren wir doch alle ständig davon, dass wir es mit der Ethik und Moral anderer nicht so genau nehmen, fühlen uns aber genötigt ins Horn zu blasen, wenn es offenkundig wird.

    Wieso muss ich über all diese Taten anderer Leute Bescheid wissen, besonders von solchen, mit denen ich wahrscheinlich nie zu tun haben werde? Wieso geht es an keiner Stelle darum, wie sich die Täter jetzt zu ihrem Vorgehen verhalten? Okay, bei Polanski habt ihr erwähnt, dass er sich der Strafe entzieht, aber es ist doch nicht die Frage, ob ich in einem Woody-Allen-Film mitmachen kann, weil er mal ein Verbrechen begangen hat, sondern, ob ich es aufgrund seines jetzigen Umgangs damit machen kann.

    Wer ernsthaft daran interessiert ist über bekannt gewordenes Fehlverhalten anderer informiert zu sein, der findet diese Angaben und kann dann entscheiden, ob er es dem (ehemaligen) Täter ewig nachtragen möchte. Diesen Leuten deshalb aber grundsätzlich einen dauerhaften, sichtbaren Stempel zu verpassen, sehe ich nicht als Gewinn. Wichtig ist, dass wir alle mehr für unsere Werte und Prinzipien einstehen und nicht wegschauen oder sogar mitmachen, wenn diese missachtet und verletzt werden. Damit wäre dann sichergestellt, dass wenn ich mit so jemandem wirklich zu tun habe, genug Warnung und Hinweis aus dem Umfeld erhalte, um mich darauf einzurichten.

    Und das ist doch das, was MeToo verdeutlicht. Also im Grunde die alte Erkenntnis, dass dort wo Abhängigkeiten bestehen und Machtpositionen entstehen, da werden diese auch ausgenutzt. Es sind ja viele unterschiedliche Fälle und Vorfälle innerhalb der MeToo-Debatte zusammengefasst, aber soweit ich weiß gab es ja beispielsweise im Fall Weinstein keine Notwendigkeit sich ihm unterzuordnen. Ich sehe das Problem viel weniger in dieser einen Person, die ich unverhältnismäßig verteufelt sehe, als im Gesamtbild. Da hat sich einer eine Position erarbeitet oder ist sonst wie dran gekommen, von der aus er Spielregeln vorgeben kann und nahezu alle Leute um ihn herum spielen mit. Es dürfte schwer zu argumentieren sein, dass sich jemand darauf eingelassen hat, weil sein Leben davon abhing oder zumindest eine andere kritische Lage bevorstand, wenn nicht mitgespielt würde. Es waren doch Personen, die alle in dieses Business wollten. Sei es aus Ruhm oder Geld oder was auch immer. Und alle, die Opfer wie die schweigenden Mitwisser, haben sich dazu entschieden die Kompromisse einzugehen: “Ich stehe das jetzt durch, damit ich am Ende groß raus komme.” Und auch auf die Gefahr hin mir vorwerfen zu lassen, dass ich die Opfer zu Tätern mache, so sehe ich dennoch auch deren Beitrag dazu, dass sich die dortigen Gepflogenheiten so entwickelt haben. Denn jede Person, die sich darauf einlässt, wirkt derjenigen entgegen, die sich dem entzieht oder entgegenstellt.

    Es heißt Gelegenheit macht Diebe und wir wissen doch inzwischen leider auch, welche aktivierenden und verstärkenden Momente Macht haben kann und wie leicht sich Neigungen dazu ergeben Abhängigkeiten auszunutzen. Fazit ist für mich also dafür zu sorgen, dass wir eine Gesellschaft schaffen, in der zumindest niemand aus Not gezwungen ist unangenehme Kompromisse einzugehen. Und dass wir dafür sorgen, dass es nur wenige Machtpositionen und Hierarchien gibt und das diese vor allem nur für begrenzte Zeit mit denselben Personen besetzt werden.

    Danke fürs Lesen
    Jan

    • Lieber Jan,
      hui, ein langer Kommentar, vielen Dank, dass du deine Gedanken so ausführlich mit uns teilst. Ich will da gar nicht dagegen halten, sondern eher die Daumen hoch nehmen: Eine Debatte, darüber, was ich als Einzelperson innerhalb unserer Gesellschaft möchte und was nicht, und wie wir gemeinsam uns unsere Gesellschaft wünschen und vorstellen, das genau ist es, was wir benötigen.
      “dass wir eine Gesellschaft schaffen, in der zumindest niemand aus Not gezwungen ist unangenehme Kompromisse einzugehen”, nennst du das. Gut!
      Viele Grüße
      Barbara

  6. “Bei Woody Allen und Roman Polanski – da ist ja seit Jahren klar, da sind Sachen vorgefallen …”

    Barbara, ich finde den Fall Woody Allen alles andere als klar. Ihn mit verurteilten Vergewaltigern, wie Polanski, in eine Reihe zu stellen, halte ich nicht für angemessen.

    Der Dokufilmer Robert Weide hat die damaligen Ereignisse sehr detailiert und (wie ich finde) ausgewogen beschrieben: https://www.thedailybeast.com/the-woody-allen-allegations-not-so-fast

    Spoiler: es gab kein Motiv, keine Gelegenheit und keine Beweise. Es ist daher sehr wahrscheinlich, das die ganze Angelegenheit eine Trennungs-Schlammschlacht war.

    Das sich Schauspieler/innen im Rahmen von #metoo genötigt sahen Statements abzugeben nie wieder mit Allen zu arbeiten, zeigt, das Verdächtigungen und Halbwissen in der Öffentlichkeit oft schwerer wiegen als rechtstaatliche Abläufe und die Arbeit von Experten. Ich finde da sollte man gegensteuern – zumindest als seriöser Femi-Podcast.

    • Danke für den Link zu Robert Weides Artikel, der ist sehr interessant.

      Ja, all das, was wir hier sehen, ist unübersichtlich. Viele Reaktionen (etwa die von Rose McGowan auf Justin Timberlakes Thumbs up für Time’s up, sie sagte, er sei ein Heuchler, weil er im Film von Woody Allen spielt, ein Mann, dem seine Tochter vorwirft, er hätte sich ihr unangemessen genähert) machen alles noch unübersichtlicher. Vor allem dann, wenn wir keine Gerichtsurteile haben (wie bei Woody Allen, hier gibt es – dank Robert Weides Recherchen schön dokumentiert) lediglich ein Urteil, dass besagte Tochter bei Mutter Mia Farrow bleibt und Allen sie erst mal nicht sehen durfte … “his request for immediate visitation with Dylan was denied until the young girl underwent a period of therapy, after which a further review of visitation would be considered. As a legal matter, the investigation of possible criminal abuse would continue.”).

      Doch dieser Artikel sagt auch, dass besagte Tochter Dylan (und auch ihr Bruder) fest glauben, dass diese unangemessene Näherung stattgefunden hat. Somit bleibt es uns überlassen, weitere Nachforschungen (im Netz, wo eben viel unübersichtlich ist) zu betreiben, uns selbst eine Meinung zu bilden, oder einfach den einen oder den anderen zu glauben. Auf die Unübersichtlichkeit hinzuweisen, und darauf, dass wir (als weit entfernte Zuseherinnen des Ganzen) “die Wahrheit” wohl nie herausfinden werden, das erachte ich als wichtig. Deshalb wünsche ich mir ja Informationen, wie ich es im Podcast auch sage. Gegensteuern gegen Fake News, überzogene Hateaufrufe im Netz, klar, das ist genauso wichtig. Strukturen zu erkennen, das auch.

      Zuletzt möchte ich noch was zu Bill Cosby hinzufügen: Sein Prozess endete 2017 ergebnislos. Weil sie die Jury nicht einigen konnte. Dem Prozess ging eine Anzeige voraus, schon 2005, “Cosby sagte damals unter Eid aus, häufiger Beruhigungsmittel einzusetzen, um sich Frauen gefügig zu machen.” Damals gab es eine außergerichtliche Einigung. Im 2017er Prozess sagte Cosbys Verteidigung, der Sex war nicht unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln, sondern einvernehmlich. 60 Frauen werfen Cosby sexualisierte Gewalt vor. Gerade wurde der Prozess wieder aufgenommen. Was lerne ich daraus? Und wo ist die Wahrheit?
      Zum Nachlesen:
      http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-04/bill-cosby-prozess-sexuelle-belaestigung-vorwurf

      • Richtig, es ist undurchsichtig. Eines der Farrow Kinder z.B. verteidigt Allen und zeichnet ein ziemlich desaströses Bild von ihr:

        “From an early age, my mother demanded obedience and I was often hit as a child. She went into unbridled rages if we angered her, which was intimidating at the very least and often horrifying, leaving us not knowing what she would do.”

        http://people.com/celebrity/dylan-farrows-brother-moses-defends-woody-allen/

        Eine Tochter Farrows starb ab einer Überdosis, ein Sohn begang Suizid. Ob das in irgendeiner Weise mit Mia Farrows Verhalten zusammen hängt, kann ich nicht sagen. Die Häufung an tragischen Ereignissen und Zerwürfnissen ist allerdings auffällig.

  7. Hallo ihr Hörer*innen und Macherinnen vom Lila Podcast,

    vielen Dank für die Sendung. Ich bin durch Zufall vor einem Jahr auf die Frage nach dem Körper gestoßen und komme zu dem Schluss, dass es echt spannend ist sich damit auseinanderzusetzen – vorallem mit den verschiedenen Ebenen wie z.B. der Unvermittelbarkeit von Körper, also dem Teil der unbewusst passiert.

    Eine kleine Empfehlung zum Verhältnis Körper und Intersenktionalität ist z.B. der Text von Heidi Safia Mirza “A second skin: embodied intersectionality” (über Suchmaschinen online zu finden). Hier geht es um die Frage wie sich Machstrukturen in dem Körper festschreiben – am Beispiel von drei Frauen in Großbritannien mit einer transnationalen Bildungsbiographie.

    Eine weitere Anmerkung. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass es wichtig ist stark zu sein, um sich nicht unterbuttern zu lassen und vorallem im Kontext von Geschlechterhierarchien- aber (und hier finde ich den Differenzfeminismus anschlussfähig) wäre es nicht sinnvoll andere Attribute ‘positiv’ zu besetzen? Für mich ist z.B. Schwach sein vollkommen menschlich und kann auch unglaublich viele Selbstzweifel hervorrufen, wenn man sich oft schwach etc. fühlt von der Gesellschaft (oder auch im Feminismus) gespiegelt bekommt, dass es nun besser wäre man sei stark.

    Ich hoffe es kommt an, was ich sagen wollte. Weiter so – es macht großen Spaß euch zuzuhören und mit euch (weiter) zu denken!
    Herzlichst *

  8. Bei der Diskussion darum, ob und wie Serien oder Filme eines – ich nenne es ob der etwas konfusen Gemengelage mal “problematischen” – Stars noch gezeigt werden sollten, fehlte mir ein bisschen die Differenzierung, dass es sich bei Serien und Filmen ja IMMER um Gemeinschaftsproduktionen handelt und man im Zweifel viele andere Personen, die damit gar nichts zu tun haben, gleich mit straft.

    Insofern sollte es eigentlich darum gehen, die Diskussion über Taten und Mensch offen zu gestalten, das Werk davon aber getrennt zu sehen und nicht beispielsweise mit einer “Warnung” zu versehen.

    Es ist dann letztlich eben auch eine ganz individuelle Frage, ob man diese Sendungen dann noch mit Vergnügen gucken kann oder nicht. Würden wir uns dauernd damit beschäftigen, welche/r Schauspieler/in irgendetwas getan hat, das moralisch oder strafrechtlich problematisch ist, wären ziemlich viele Filme für uns tabu oder müssten mit entsprechenden Disclaimern gezeigt werden. Das trifft dann aber eben auch alle anderen Beteiligten, von Regisseur/in über die SchauspielerkollegInnen bis hin zu DrehbuchautorInnen etc., die sich fortwährend damit konfrontiert sehen müssten, aufgrund der Tat eines einzelnen im Zweifelsfall Nachteile zu erleiden.

  9. Liebe “Lilas”,
    liebe Hörer*innen,

    mich irritiert gerade die Frage nach Durchschnittswerten von Körperlichkeit und das Beispiel von großen und kräftigen Männern und zierlichen Frauen. Es geht nicht um den Durchschnitt, denn dann denken wir wieder binär.

    Es gibt doch Menschen, die groß und kräftig gebaut sind und es gibt welche, die eher zierlich sind. Eine Freundin, un dem zu widersprechen, meinte kürzlich: “Schau doch mal die nordischen Männer an, die sind doch groß und kräftig.” Da frage ich mich: sind dort (und auch woanders auf der Welt) nicht auch viele Frauen, die größer und kräftiger sind?

    Meiner Wahrnehmung entsprechend sind es mehr Frauen, die durch Ernährung und mit Kleidung einen schmalen Körper betonen (wollen) , wogegen mehr Männer sich durch entsprechenden Sport, Kleidung und Körperhaltung mehr Platz verschaffen. Meine Beschreibung wirkt jetzt vielleicht etwas zweidimensional argumentiert, obwohl ich das eher dimensional vielfältig darstellen will.

    Ich fahre jedenfalls gerade U-Bahn und finde es spannend, unter dieser Perspektive die Leute um mich wahrzunehmen.

    Weiter finde ich eure Empfehlungen und Anregungen sehr hilfreich und bin euch dankbar für eure Anregungen für Reflexionsprozesse.

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